Was ist visuelle Kommunikation?

Um die Eingangsfrage im Titel zu beantworten, muss zunächst einmal eine Definition für Kommunikation geschaffen werden. Heute ist der Kommunikationsbegriff ein Modewort geworden, welches im Alltag gerne verwendet wird. Fast jeder glaubt zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Doch kaum jemandem ist bewusst, dass der Prozess der Kommunikation sehr komplex ist. Die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen haben sich der Erforschung einzelner Aspekte des Prozesses angenommen, so zum Beispiel die Kommunikationswissenschaft, die Soziologie, die Psychologie, die Politologie oder die Soziologie. Laut Duden ist Kommunikation die “Verständigung untereinander; zwischenmenschlicher Verkehr besonders mithilfe von Sprache”.

Diese nur auf zwischenmenschliche Kommunikation einengende Definition soll an dieser Stelle mit dem Begriff der Visuellen Kommunikation erweitert werden. Visuelle Kommunikation versteht sich als nonverbale Kommunikation – als Vermittlung von Information die über das Auge wahrgenommen wird. Die Kommunikationsbotschaft wird also nicht mittels Sprache übertragen, sondern benötigt ein anderes, gegenständliches, Kommunikationsmittel. Als Synonym für visuelle Kommunikation wird auch Kommunikationsdesign genannt. Die Unterscheidung der Kommunikationsbegriffe soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden.

In Marion G. Müllers Buch, Grundlagen der visuellen Kommunikation, das für diese Betrachtung maßgeblich von Bedeutung ist, findet sich zu Beginn ihrer Einleitung ein Zitat: “Mit dem Visuellen verhält es sich wie mit der Politik: Jeder meint etwas von dem Thema zu verstehen, und in einem gewissen Maße stimmt das auch”. Dabei sind doch die Aussagen über Politik oder Bilder (als visuelles Kommunikationsmittel) meist sehr vage und kommen mehr aus dem subjektiven Empfinden. Um objektive Aussagen über Bilder treffen zu können, muss ein Grundwissen für Bildanalyse und Bildinterpretation geschaffen werden. Dies wird im nächsten Abschnitt angestrebt mit einer einleitenden Erklärung über den Bildbegriff.

Bilder

Die Frage danach, was eigentlich ein Bild ist, stellte sich auch 1986 ein amerikanischer Kunsthistoriker. William John Thomas Mitchell kommt dabei zu dem Schluss, dass sprachliche Unterschiede mit dem Wort Bild entstehen. So kann mit dem Begriff in der deutschen Sprache ein Kunstwerk, Familienfoto, Piktogramm oder eine Metapher gemeint sein. Für die visuelle Kommunikation ist der bisherige Bildbegriff zu unpräzise und damit nicht geeignet.

Mitchell definiert im Jahr 1990 fünf Bildkategorien, die bis heute für die visuelle Kommunikation von Bedeutung sind: grafische, optische, perzeptuelle, geistige und sprachliche Bilder. Zu den grafischen Bildern werden neben Gemälden und Zeichnungen auch Statuen gezählt, d.h. Objekte die haptisch existieren. Optische Bilder sind Projektionen oder Spiegelungen, während perzeptuelle Bilder aus dem Bewusstsein entstehen (Erscheinungen und Sinnesdaten) sind geistige Bilder (Träume, Ideen) zumeist aus dem Unterbewusstsein rekonstruiert. Sprachliche Bilder sind durch Metaphern vermittelte Vorstellungen.

Nach all dieser Unstetigkeit in der Definition, wird heutzutage in der visuellen Kommunikation zwischen immateriellen, geistigen Bilder (mental images) und in materiellen Bilder (material images) unterschieden. Immaterielle Bilder, die keine Vergegenständlichung erfahren, sind demzufolge auch nicht Teil der visuellen Kommunikation. Wichtig für die visuelle Kommunikation sind also die materiellen Bilder, die auch als Abbilder bezeichnet werden.

Every portrait that is painted with feeling is a portrait of the artist, not of the sitter. The sitter is merely an accident, the occasion. It is not he who is revealed by the painter; it is rather the painter who, on the coloured canvas, reveals himself. – Oscar Wilde, The Picture of Dorian Gray, 1891

Wie sich aus dem Zitat interpretieren lässt, ist ein Bildnis (engl. portrait) mehr und doch weniger als ein Bild – es enthält einen gestalterischen Mehrwert. Es wird nicht nur Objekt bzw. Person dargestellt, sondern durch die Art und Weise der Darstellung wird auch etwas über den Erschaffer ausgesagt. Hier lässt sich wieder eine sprachliche Definitionsbarriere feststellen, die Begriffe Porträt und Bildnis lassen sich zwar synonym gebrauchen, bezeichnen aber nicht das Gleiche. Während ein Bildnis ein vom Menschen gestaltetes materielles Abbild ist, das nicht unbedingt dem Abgebildeten ähnlich ist, ist ein Porträt ein vom Menschen oder einer Maschine gemachtes Abbild, das notwendigerweise dem Abgebildeten ähnlich ist.

Von der Bildbeschreibung zur Bildinterpretation

Die Bildbeschreibung ist ein wichtiger Schritt zur Bildinterpretation. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky entwickelt ein Dreischrittschema, beginnend mit der Beschreibung, gefolgt von der Bedeutungsanalyse und abschließend mit der Interpretation. Allerdings kann keine separierende Trennung in diese drei Ebenen vorgenommen werden, denn jede Ebene überschneidet sich. Panofsky erläutert diesen Sachverhalt:

Jede Deskription […] gewissermaßen noch ehe sie überhaupt anfängt – die rein formale Darstellungsfaktoren bereits zu Symbolen von etwas Dargestelltem umgedeutet haben müssen; und damit wächst sie bereits, sie mag es machen wie sie will, aus einer rein formalen Sphäre schon in eine Sinnregion hinauf. – Erwin Panofsky, Deutschsprachige Aufsätze II, S. 1065

Hierbei soll nun deutlich werden, dass es bei der Bildbeschreibung, Bilddeutung und Bildinterpretation um die Sinnentschlüsselung der Bildkommunikation geht.
Die in diesem Zusammenhang zu beantwortenden Fragen: “Wie beschreibe ich Bilder?”, “Wie analysiere ich Bilder?” und “Wie interpretiere ich Bilder?” sollen in den nächsten Abschnitten näher erläutert werden.

Die Bildbeschreibung ist eine forensische Methode. Diese muss als objektivierbare Deskription formuliert werden. In der visuellen Kommunikation zielt die Bildbeschreibung darauf ab, jenseits eines subjektiven Gefallens oder Misfallens auch andere überzeugen zu können.

Die rein phänomenale Beschreibung setzt nun wirklich nichts weiter vorraus, als dass wir uns das Bild gut ansehen und es auf Vorstellungen beziehen, die uns aus der Erfahrung geläufig sind. – Erwin Panofsky, Deutschsprachige Aufsätze II, S. 1067

Für den Einstieg in die Bildbeschreibung soll diese Einsicht motivierend genug sein. Aber was heißt das Bild gut ansehen? Erste spontane Eindrücke notieren und sich auf das Wesentliche konzentrieren, wie: Motiv, Format, Komposition, Technik, Qualität, Blick- und Aufmerksamkeitslenkung. Eine Bildbeschreibung kann am besten mit dem gedanklichen Satz: “Auf dem Bild sehe ich…” begonnen werden.


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Bild: “Can Massacre” – Artist: Smash137 und Risk, Miami (2011)

Das querformatige Farbbild zeigt ein Graffity von den Künstlern Smash137 und Risk. Es entstand in Miami im März 2011. Auf der linken Seite ist der Schriftzug Risk zu sehen, mittig verbindet der Spruch: Get Tight & Paint Lose zur rechten Seite auf der der Schriftzug Smash steht. Dieser besteht nicht aus klaren Buchstabenformen wie der Schriftzug von Risk, sondern deutet durch Konturen und Leeräume die Buchstaben an. Das Graffity besteht aus vielen verschiedenen Farben. Vorallem die sich strahlenförmig-ausbreitende Striche, die durch eine mit einem Messer angestochene Farbdose gesprüht werden, sind auffällig. Aus diesem Grund trägt das Bild den Namen Can Massacre, weil die Farbdosen regelrecht massakriert werden um diesen Effekt zu erzeugen. Der Schriftzug von Risk enthält noch einige Details (Rolling Stones Zunge als Verlängerung des Buchstaben R, Hurrikan als Buchstabe I). – Eigene Beispielbeschreibung

Bildanalyse ist im Wesentlichen Bedeutungszuweisung. Auf dieser Ebene darf endlich ausgesprochen werden, was die ganze Zeit offensichtlich war. Die analytische Beschreibung konzentriert sich auf die Aussage und die relevanten Besonderheiten des Bildes. In der praktischen Vorgehensweise ist eine sorgfältige Recherchearbeit über die Bildquelle, den Titel sowie den Urheber des Bildes erforderlich. Dabei sollte beachtet werden, eine begriffliche Überspitzung bei interpretativen Elementen zu vermeiden bzw. jetzt schon ein etwaiges Interpretationsergebnis vorwegzunehmen.

Bildinterpretation als letzte Ebene erhebt gar wissenschaftlichen Anspruch und versteht sich selbst als “Kommunikationswissenschaftliche Bildwirkungsforschung”. Im Folgenden liegt der Schwerpunkt auf Bildinterpretation im Rahmen von Produkt- und Produktionsanalysen, welche Voraussetzungen der Wirkungsanalyse sind. Die Produktanalyse fragt nach den bildimmamenten Bedeutungen: “Was ist auf dem Bild wie dargestellt?”, während sich die Produktionsanalyse auf die Bildproduzenten und den Entstehungskontext konzentriert: “Wann ist das Bild wie und warum entstanden?”. Sind diese beiden Fragen beantwortbar, kann zielgerichtet nach der Wirkung vom Bild gefragt werden.

Zusammenfassung

Mit der hier vorliegende Ausarbeitung über Visuelle Kommunikation habe ich den Ansatz verfolgt, einen möglichst effektiven und allumfassenden Überblick in das Thema zu geben. Dabei ist mir besonders wichtig gewesen, dass mein roter Faden, der sich zunächst von einer allgemeinen Definition der Visuellen Kommunikation über den Bildbegriff bis zur Bildbeschreibung und schlussendlich in der visuellen Abbildung der Sprache abzeichnet, eingehalten wird und so eine logische Verknüpfung dieser Themen herstellt. Im Themengebiet der visuellen Abbildung der Sprache gibt es sicherlich noch die ein oder andere Darstellungsart (bspw. Piktogramme, Icons oder Wappen) die noch hätten angesprochen werden können.

Zuletzt sei auch noch der Hinweis gegeben, dass die HfG Ulm den Begriff der Visuellen Kommunikation in Deutschland zur Bauhaus-Ära (1919-1933) bzw. im Nachkriegsdeutschland (ab 1945) maßgeblich mitgeprägt hat. So sollte nicht mehr das Design, genauer die verzierende Optik bei Objekten sich hervorheben, sondern eine klare Aussage des Objekts geschaffen werden. Der Nutzen stand im Vordergrund.